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Gebenedeit sei die Frucht deines Leibes


04/09/2020 bis 17/10/2020

Eröffnung im Rahmen der DC OPEN 2020: 04.09. – 06.09.2020
Ausstellung bis 17.10.2020

Performance SUGAR MAMA am 4. September 2020 um 19 Uhr

An unserem Anfang steht der Körper, umgeben von einem anderen Körper. Ein erstes Fühlen und gefühlt werden, ein erstes Greifen und Begreifen. Schon umfasst ihn Gesellschaft, Religion und Kultur, halb beschützend, überhöhend, halb Besitz ergreifend, determinierend. Der nackte Körper, bald – nach Monaten einer fleischlichen Raumfahrt – ganz in der Welt, erfährt eine Zuschreibung des Geschlechts, wird in ein System integriert, mit Kleidern in Rosa und Blau umhüllt und verborgen. Eben noch ein Kind der Mutter, jetzt schon das einer mächtigen Struktur, erfasst durch den Staat, Frucht eines jeglichen Gottes. Das soll der neue Ursprung sein. Ganz bestimmt.

Kunst, nicht zur Produktion kultureller Artefakte, sondern als Prozess der Definition des eigenen Seins und des Verhältnisses zu den anderen. Das ist zumindest eine Möglichkeit, über die Sophia Süßmilch in ihren Arbeiten spricht. Performance, Malerei, Fotografie und Film umreißen den eigenen Ort, eröffnen ein eigenes Spiel, berichten von der eigenen Selbstverständlichkeit, dem eigenen Selbstverständnis, entgegen unerwünschter Vereinnahmung und bedrängender Übergriffigkeit. Freiheit.

Ein archaisches Ritual und ein Spiel, ein in seiner Fröhlichkeit provokantes Lachen, wider dem Ernst der Lage. Der Körper, ein wohl gehütetes und zu hütendes Geheimnis, vor allen enthüllt. Arme, Beine, Kopf, Brüste und Vagina – die Raumfahrerin und ihr Mutterschiff. Bemalt, tätowiert, mit Prothesen ergänzt und verwandelt, im Wald und im Studio, in fotografischer Dar-Stellung zueinander und uns. Der reale Körper spottet dem Ideal, wo Schönheit keine normierte Dinglichkeit, sondern bewegliche Empfindung ist. Wo Du bist und warst, kann und konnte ich sein.

Sind die Fotografien und Aktionen von Sophia Süßmilch von großer Unmittelbarkeit, konfrontativ und direkt, erschließt ihre Malerei einen rätselhaften Kosmos. Die Wesen, die bläuliche Sphären bewohnen, lösen sich weitgehend von der menschlichen Form. Der Körper kann zum Baguette, zum Brotlaib werden, an dem nährende Brüste und Zitzen Vitalität und Kraft spenden und zum Ausdruck bringen. Zugleich unter regnenden Wolken und tief unter Wasser. Offen zwischen Unschuld und Ironie die Titel, mit vielen klaren Verweisen auf einen Glauben, voll Streben nach Höchstem, im Schatten erfahrbarer Heuchelei. Die Magd sollte sich fügen, wenn wir sie wohlfeil Königin nennen, Stütze der Gesellschaft. Ist diese äußere Welt wirklich so säkular, wie sie uns erscheinen mag?

Die Prozesse der Transformation sind komplex und durchdringen die Schichten und Zeiten. Die Eigentumsverhältnisse sind noch nicht geklärt. Körper, Seele und Geist könnten in der eigenen Lebensspanne zurückerobert werden. Die Rezeption eines Aufbruchs der gefügten Gegebenheiten muss sich nicht wieder erschöpfen in erprobten Verfahren der Einordnung. Individuelle Mythologien, Feminismus oder Aktionskunst bieten einen historischen Kontext, verleiten aber auch zur Abwendung vom „Jetzt“. Sophia Süßmilch macht anschaulich, wie aus der Realität des eigenen Körpers Wirklichkeit erwächst. Der Wert der Dinge und Wesen wird aus sich selbst geboren und ist dennoch die Filiation dieser Urerfahrung „eins“ und dann „zwei“ zu sein. Sie sagt: Ich bin hier. Trotz dem! Oder weil dem so ist?

Thomas W. Kuhn, Rheydt im Juli 2020

Opening during DC OPEN 2020: 04.09. – 06.09.2020
On view through 17.10.2020

At the beginning, our body is enclosed within another body. A first sensation, to feel and be felt, to grasp and to understand. Already enveloped in society, religion and culture, half protective, half overbearing, half possessive, determining. Soon – after months of a fleshly space flight – the naked body, wholly in the world experiencing an attribution of gender, is integrated into a system, encased and concealed in pink and blue clothes. Just a mother’s child, already the child of a powerful structure, seized by the State, the fruit of any God. That should be the new origin. For sure.

Art, not for the production of cultural artefacts, but as a process of defining one’s own being and relationship to others. That is at least one possibility, about which Sophia Süßmilch speaks in her work. Performance, painting, photography and film outline their own place, open up their own game, report on their own implicitness, their own self-conception, against unwanted appropriation and oppressive assault. Freedom.

An archaic ritual and a game, a laughter provocative in its cheerfulness, contrary to the seriousness of the situation. The body, a well guarded secret and one to be safeguarded, disclosed to all. Arms, legs, head, breasts and vagina – the astronaut and her mothership. Photographic representation to one another and to us. The real body mocks the ideal, wherein beauty is not a normative thing, but a flexible perception. Where you are and were, I can and could be.

Are Sophia Süßmilch’s photographs and actions extremely forthright, confrontational and direct, then her painting opens up an enigmatic cosmos. The beings that inhabit the bluish spheres are largely detached from the human form. The body can become a baguette, a loaf of bread, in which nurturing breasts and teats provide and express vitality and strength. Simultaneously under raining clouds and deep under water. The titles are an open mixture of innocence and irony, with many clear references to a belief full of striving for the absolute, in the shadow of experienced hypocrisy. The handmaiden should submit when we call her bargain queen, pillar of society. Is this external world really as secular as it appears to us?

The processes of transformation are complex and penetrate layers and times. The structure of ownership has not yet been settled. Body, soul and spirit could be reclaimed within one’s own life span. The reception of an outbreak of the established conditions does not have to be exhausted again in proven procedures of classification. Individual mythologies, feminism or action art offer a historical context, but also tempt us to turn away from the ‘now’. Sophia Süßmilch illustrates how reality arises from the truth of one’s own body. The value of things and beings is born of itself and yet is still the filiation of this primal experience of being ‘one’ and then ‘two’. She says: I am here. despite it! Or because of it?